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Mittwoch, 4. Dezember 2019

Wintermantel deluxe - oder: wie mich ungeliebte Trends und Schnittmuster doch noch einholen

(Beitrag könnte Werbung durch Verlinkung beinhalten. Alles selbst ausgesucht und bezahlt!)


Früher habe ich immer gedacht, ich bin von Werbung unbeeinflusst. Seitdem ich aber in den sozialen Netzen unterwegs bin und ich dort vor allem Kanäle mit Näh- und Stoffbezug folge, werde ich doch öfter angefixt, als es mir lieb ist. Das heißt: mehr als mein Geldbeutel mag, mein Zeitfenster zulässt und mein nachhaltiges Gewissen beruhigt.


Ich war mir sicher: dieses Jahr brauche ich keinen neuen Mantel. Ich besitze drei wirklich gute und gern getragene - den Parka, den Obi tie cocoon coat und den schwarzen Burdamantel. Dazu kommt noch eine dicke Daunenjacke, die ich mir letztes Jahr bei Zara gegönnt habe.

ABER - ich habe mich verliebt. Und zwar in den Wollstoff "Chiara" mit Fellabseite. Ein Stoff, der nach einem Mantel schreit. Und der nicht gefüttert werden muss. Der das total angesagte Karo besitzt. Der einfach ein Traum von einem Stoff ist.


Es war also um mich geschehen. Und warum? Mal wieder waren die sozialen Netze schuld und wedelten von allen Seiten mir den Stoff vor die Augen. Nun ja, wie ihr seht, habe ich meiner Stoffsucht (leider?) nicht widerstehen können.

Auf der Suche nach einem einfachen Schnitt, der kein Futter verlangt, bin ich irgendwann bei "Marit" gelandet. Den Schnitt aus der La Maison Victor 03/2018 fand ich bisher dröge und langweilig. Einzig die Taschen waren reizvoll. Da ich dieses Jahr doch ein paar gut gelungene Umsetzungen gesehen hatte, nicht ewig viel Stoff ordern wollte und auch kein neues Schnittmuster kaufen, beschloss ich, es zu wagen.


Und siehe da, ein schlichter Schnitt und ein mega-geiler Stoff (sorry, ich wisst, ich bin verliebt) machen ein Perfect-Match.

Der Zuschnitt des Karos hat mich einige Grübeleien gekostet und beim Belegt hat es sich gerächt, dass ich die Nähanleitung nicht vorher gelesen habe. Die 3 cm, die dieser kürzer ist als das Vorderteil (er wird unten an die Saumzugabe genäht und mit dieser zusammen hochgeklappt), ist jetzt der Versatz vom Karo zwischen Vorderteil und Beleg. Das sieht man ja aber nicht auf den ersten Blick, also halb so schlimm. Beim Rest bin ich sehr zufrieden mit mir. Die rückwärtige Teilungsnaht sieht man fast gar nicht und auch die Taschen liegen gut im Musterverlauf. Sogar am Kragen und an den Ärmeln passt das Karo. Das Gefummel hat schon einiges an Zeit gefressen, aber es hat sich gelohnt.


Den Beleg habe ich - wie in der Anleitung beschrieben - mit einem Schrägband versäubert. Als Kontrast habe ich ein weiß-braunes Streifenband gewählt. Hier war ich mal wieder zu blöd, die Anleitung richtig zu lesen und habe zuerst die falsche Seite des Beleges, also die, die ans Vorderteil genäht wird, eingefasst. Das war vielleicht eine Fummelarbeit, das Ganze wieder abzubekommen. Mit Korrekten und allen Ärgernissen, die bei solch schwerem, fusselden Stoff sonst noch vorkommen, hat mich das drei verschwendete Stunden Umsonst-Arbeit gekostet. Nun ja, irgendeinen Fauxpas gibt es bei meinen Nähprojekten eigentlich immer. Bin ich da eigentlich die Einzige??



Die Taschen sind ob der Dicke des Wollstoffes doch recht voluminös, aber ich mag das. Auch der Kragen fällt beim Umlegen nicht ganz so gut, obwohl natürlich der Unterkragen kleiner zugeschnitten wurde, hätte noch weniger sein müssen, wenn man ihn umgeschlagen tragen will. Ich finde ihn aufgestellt eh besser. Da wird der Schal drum gewickelt und er schützt so ja auch besser vor Wind.



Hach, sieht der Karoverlauf hinten nicht super aus ;-). Da mir ja soviel Mist passiert, muss ich mich für die guten Ergebnisse dann erst rech loben...


Und wer jetzt noch wissen will, was ich dazu trage auf den Bildern: die Mütze ist von Zara, der Schal ist der "Schal fürs Leben" (Brigitte-Aktion) vom 2016, die Hose eine Marlene-Hose aus der Burda und das Shirt eine FrauAiko aus Jaquard. Alles keine neuen Teile, gern getragen und somit nachhaltig. Und der Mantel wird bestimmt lange im Einsatz sein, er ist eigentlich das, was mir doch noch gefehlt hat im Schrank - etwas richtig mollig Warmes ohne sportlichen Touch.



Schnitt: "Marit" aus der La Maison Victor Ausgabe 03/2018
Stoff: Wollstoff Chiara von Swafing mit Teddyabseite
Arbeitsaufwand: ca. 12 h (+3 h Fehlerbehebung)
Kosten: ca. 104 €
Verlinkt beim Me Made Mittwoch

Sonntag, 1. Dezember 2019

Weihnachtskleid-Sewalong -Teil 2

Heute ist das zweite Treffen beim #wksa2019. Bei mir trifft am ehesten die Aussage "Ich bin schon mittendrin, die Nähmaschine schnurrt" zu. Ich fand die vielen Kommentare und vor allem den überwiegenden Zuspruch zum Mantelkleider schon erstaunlich.

Meine Entscheidung ist allerdings dennoch anders ausgefallen. Das Mantelkleid muss wieder warten.  Zum einen habe ich einfach derzeit genug Kleider, zum zweiten ist es mir derzeit ein wenig zu streng. Meine Wahl fiel auf das Puffärmel-Shirt und Schleifenrock. Stoff habe ich auch und bereits letztes Wochenende alles zugeschnitten.


Für das Shirt habe ich einen Modalsweat von stoffe.de gewählt, den bereits einmal verarbeitet habe und der sich unglaublich toll trägt. Der Rock wird aus einem wollweißen Hosenstretch, ebenfalls von stoffe.de genäht, dazu habe ich ein gestreiftes Futter gewählt.


Diese Woche wurde ich leider durch einen trügerischen Infekt ausgebremst und ich muss ein wenig pausieren. Insofern bin ich froh, dass ich schon so gut vorbereitet war. Traditionell trage ich ja mein Weihnachtsoutfit bereits zur Firmenweihnachtsfeier, die dieses Jahr Gott sei Dank erst in der zweiten Dezemberwoche stattfindet. Ich muss mich also in den nächsten zwei Wochen ranalten, will ich im Plan bleiben. Das Shirt scheint dass zu nähen zu sein, beim Rock bin ich noch nicht sicher, ob ich die englische Anleitung verstehe.

Also drückt mir bitte die Daumen, dass ich schnell gesunde, um mich wieder ins kreative Leben zu stürzen.

Im Übrigen habe ich beim Black Friday zugeschlagen und den MindtheMaker-Stoff, den ich für den Jumpsuit in Erwägung gezogen habe, gekauft. Vielleicht wird diese Kombi ja dann Silvesterknaller.

Und nun geht's ab zur Mädelsrunde, ich bin gespannt, wieweit die anderen sind und welche Entscheidungen gefallen sind. Da war schon einiges Vielversprechendes dabei.



Dienstag, 26. November 2019

Tuula-Sweater und ein Recycling-Projekt


Es wird Zeit, endlich meinen gestrickten Tuula-Sweater zu präsentieren. Beim Stricken dauert die Fertigstellung beim mir doch recht lange, da ich nur abend ein Stündchen vor dem Fernseher stricke und das auch nicht jeden Tag.



Der Anfang des Sweater hat mich reichlich Nerven gekostet, ich musste mehrfach anfangen und den umgeklappten Ausschnitt habe ich nicht so hinbekommen wie beschrieben. Die Maschen sollten stillgelegt werden und zum zusammenstricken am Ende wieder aufgenommen werden. Das misslang vor allem wegen der Wolle, der Alpaka-Anteil ist sehr flusig und war schwer zu trennen. Nun ja, am Ende sieht man es nicht wirklich und mit dem Endergebnis bin ich doch sehr zufrieden.



Der Pullover sitzt wie angegossen, ich hätte die Ärmel etwas länger stricken können. Ich habe nach Anleitung gestrickt, zwischendurch anprobiert, zu kurz befunden und dann doch so gelassen, da ich mir nicht sicher war, ob die Wolle dann für den zweiten Ärmel reicht. Hätte sie aber - reichlich. Da habe ich mich völlig verschätzt. Nun muss das so - auch ein Problem, werden zur Not Stulpen drüber oder drunter gezogen.



Heute möchte ich Euch noch ein zweites Projekt vorstellen, dass ein echtes Recyling-Projekt darstellt. Vor gut 1 1/2 Jahren habe ich eine Hose aus tollen Tweed genäht. Ich wollte eine Hose mit tiefem Schritt, hatte da ein Modell vor Augen. Details könnt ihr hier nachlesen. Aber so richtig zufrieden war ich nicht: der Stoff passte irgendwie nicht zum gewählten Schnitt. Ich habe die Hose zwar ein paarmal angehabt, aber nicht besonders gern, ich hab mich nicht wohlgefühlt und außerdem war mir die Hose auch noch zu eng.



Da ich aber den Stoff so toll fand und der auch nicht so ganz billig war, wollte ich ihn wenigstens teilweise wiederverwenden. Bei einer Hose ist das nicht so einfach, hat man doch keine großen Flächen, die man herausschneiden kann. Nach langem Überlegen und probieren von Schnittteilen habe ich mich dann für eine Langarmversion von Frau Aiko entschieden. Der Stoff reichte zwar auch hierfür nicht, aber ich hatte auch noch reichlich Jeansstoff aus dem Überraschungspaket von Aktivstoffe, welches ich bereits zu einer Tasche vernäht hatte. Den fehlenden Stoff habe ich damit ersetzt.


Um dem Ganzen noch etwas Pfiff zu verleihen, habe ich die Nähte hell abgesteppt. Die Paspeltasche der Hosenrückseite wollte ich unbedingt erhalten und habe sie vorn vernäht. Die Hosenbeine sind zu Ärmeln geworden und der Bund wurde zu Ärmelbündchen.



Ich finde, hier ist mir ein sehr besonderes Teil gelungen. Aus Reststoffen ist so noch etwas wirklich Brauchbares entstanden, welches gut zu Jeans oder schwarzen Hosen passt. Und ich bin froh, die Hose nicht ganz entsorgen zu müssen.



Pullover
Modell: Tuula-Sweater von rosa p.
Garn: Rowan Alpaca Classic, Farbe Dahlia
Kosten: 39,60 €

Shirt
Schnitt: Frau Aiko von Studio Schnittreif
Stoff: Wolle/Seidentweed von Zuleeg + Jeansstoff von Aktivstoffe

Verlinkt beim Creadienstag

Sonntag, 24. November 2019

Weihnachtskleid-Sewalong - Teil 1: Rückblick und Ideen

Wie jedes Jahr wird der WSKA sehnsüchtig erwartet. Eigentlich macht man sich das ganze Jahr schon immer Gedanken, was es werden wird. Im Laufe der Zeit verwirft man wieder, sieht neue Modelle und manchmal wird alles über den Haufen geworfen und neu geplant, sobald man die Ideen der Mitstreiterinnen sieht.

Bevor ich Euch meine Vorauswahl vorstelle, zeige ich Euch erstmal die Kleider der letzten Jahre in Kurzform. Details zu den Kleidern findet Ihr, wenn Ihr auf die Überschrift klickt:

2014 - das rote Anlasskleid

2015 - ein schnelles Strickkleid


2016 - Paisleyprint und La Maison Victor


2017 - Lang und rückenfrei


2018 - Rote Bluse und schwarze Hose


Und nun zu 2019. Ich habe einiges gefunden, was sich eignet und alles ist irgendwie komplett anders, was die Entscheidung irgendwie schwerer macht. Ich habe Einteiler und Zweiteiler dabei, ich bin gespannt, was ihr sagt, einen Favoriten gibt es schon.

Idee Jumpsuit



Dieses Modell aus der aktuellen La Maison Victor gefällt mir sehr gut. Es ist leger und festlich gleichzeitig. Als Stoff hätte ich gern die getwillte Viskose von Mind the Maker-

Foto: 1000stoff.de

Aus demselben Stoff kann ich mir auch dieses tolle Kleid aus der letzten Fibre Mood vorstellen. Ich finde den Schnitt megatoll, allerdings passt der eigentlich gar nicht zu mir und meinem Beuteschema. Ich bin unsicher, ob ich es außer zum weihnachtlichen Anlass auch noch trage.


Alternativ gibt es noch eine Kombination aus Rock und Shirt. Beide haben den Vorteil, dass sie auch nach Weihnachten noch sehr variabel und alltagstauglich sind. Als Rock würde ich Le402 von dp Studio wählen. Auch dieser Schnitt befindet sich schon in meinem Besitz.


Allerdings sollte er in weiß entstehen, ein Hosenstoff mit Stretchanteil wäre gut.

Dazu dann ein schwarzes Shirt. Entweder dieses hier aus der Novemberausgabe von burdastyle

Foto: burdastyle.de
Hier frage ich mich allerdings, ob der Knoten des Rockes und der des Shirts nicht zusammen etwas too much sind.

Auch schön finde ich das Shirt mit den puffigen Ärmeln. Stoff wäre vorhanden: ein Modaljersey in schwarz.

Foto: burdastsyle.de
Und last, but not least kommt ein Kleid, welches bereits seit Jahren auf meiner Weihnachtskleid-Liste steht. Fest vorgenommen hatte ich es mir schon für dieses Jahr, aber es kommen immer so viele andere Ideen und Modelle dazwischen.
Mantelkleid Foto: burdastsyle.de
Als Stoff habe ich ein Wolltuch von Aktivstoffe im Blick, welchen ich schon mal zu einer Hose vernäht habe. Das Revers sollte allerdings aus Satin sein.

So, nun bin gespannt auf Eure Meinungen und auch auf Eure eigenen Ideen. Hoffentlich kommen mir da nicht noch mehr Ideen in die Quere. Hier entlang gehts zu noch mehr Inspirationen auf dem Me-Made-Mittwoch-Blog.

Samstag, 9. November 2019

Der Mauerfall und die Grenzgängerin

Diese Woche wurde in Berlin der Fall der Berliner Mauer in der ganzen Stadt gefeiert. Bevor ich von dem umfangreichen Programm wusste, hatte ich mir vor Monaten schon vorgenommen, am 9. November unterwegs zu sein. Eine kleine, feine Tour zu den Orten meines Lebens kurz vor und nach dem Mauerfall. Wer wissen will, wie ich diese Festwoche erlebt habe, kann das gern auf meinem Instagram- oder Facebook-Account nachlesen.

Hier und heute soll es vor allem um mein Erleben der Wendezeit gehen. Die Bilder hierzu habe ich in den letzten Tagen, aber vor allem am 9.11. gemacht.

Wer jetzt erwartet, hier geht es nur um diesen einen Tag, den muss ich enttäuschen. Denn ich muss zugeben, ich habe den Fall der Mauer verschlafen. Ich war 18 Jahre, hatte gerade meine Lehre beendet und begonnen, auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur im Abendgymnasium nachzuholen. Ich war einfach total k.o. und bereits um 21 Uhr im Bett. Die berühmte Pressekonferenz von Schabowsky habe ich nicht mitbekommen und bin am nächsten Morgen ganz normal zur Arbeit gefahren.

Relativ früh am Tag telefonierte ich mit meiner Schwester. Sie sagte, sie wäre so müde. Ich fragte, warum und die Antwort war: ich war gestern nacht drüben. Erst da habe ich überhaupt mitbekommen, was passiert war.

Dieses Gefühl, dass etwas so Unbegreifliches, nicht Erwartetes plötzlich wahr geworden war, kann man nicht beschreiben. Um es vielleicht ein wenig besser zu verstehen, möchte ich Euch ein paar Anekdoten erzählen, die ich erlebt habe. Dazu muss ich aber noch zwei Jahre in der Zeit zurück gehen.

Der Anfang


Mein politisches Bewusstsein entwickelte sich 1987, als ich meine Lehre begann. Ich traf auf Menschen, die mich mitnahmen in ihre Welt. Meine erste Ausbilderin engagierte sich in der Umweltbibliothek. Wir verstanden uns sehr gut und ein Mitlehrling ging auf Punk-Konzerte, zu der sie mich mitnahm. So lernte ich einer der Subkulturen in der DDR kennen, sie wurde meine neue Heimat. Über viele Jahre ging ich von Konzert zu Konzert und Politik, die Unzufriedenheit war immer ein Thema. In den Texten, in Gesprächen etc.

Ich in der Mitte, rechts neben mir meine Ausbilderin. 
(Ich hatte damals schon ein Faible für schwarz-weiß 
und den Pullover sogar selbst gestrickt.)

Ich war noch sehr jung - 16 und übergeordnete Leute sahen es nicht gern, dass ich von einer Oppositionellen ausgebildet wurde. Also wurde ich in eine andere Bibliothek versetzt. Eingaben meines Vaters dagegen halfen nicht.

Punk im Osten - Erlöserkirche 1988 (eigene Aufnahme)

Stasi überall

Das Haus, in dem meine Schwester mit ihrer Freundin wohnte
... und ich irgendwie auch, denn ich war oft dort.
Gegenüber hatte die Stasi Stellung bezogen
(Fehrbelliner Strasse, direkt an der Zionskirche)

Meine ältere Schwester hatte in Jena, einer Opposionshochburg bereits Jahre vorher, studiert und kam 1987 wieder nach Berlin. Sie wohnte mit einer Freundin am Zionskirchplatz und ich war damals oft dort. Der Freund dieser Freundin hatte einen Ausreiseantrag gestellt, den die Behörden aber nicht genehmigten. Die Wohnung meiner Schwester wurde von der Stasi überwacht aus einer Wohnung genau gegenüber. Irgendwann hat dieser Freund einen Fluchtversuch über Ungarn (noch vor der großen Fluchtwelle) gewagt und ist dabei geschnappt worden. Später wurde er in den Westen freigekauft.

Da die Zionskirche und die Umweltbibliothek, die sich in deren Räumen befand, als oppositionelle Orte galten, war die Stasi dort permanent vor Ort. Manchmal hinter Gardinen, manchmal auch sichtbar in den unverkennbaren blauen Ladas. Jeder wusste, dass solche Autos nur die Stasi fuhr.



Musik am Reichstag


Der Reichstag auf der Westseite, hier war die Bühne aufgebaut

von hier aus ungefähr hörten wir die Musik
Vermutlich hat der ein oder andere von den Konzerten 1987 vor dem Reichstag gehört. Dort wurde eine riesige Bühne aufgebaut und Stars wie die Eurythmics, David Bowie und Genesis traten auf. Der volle Sound war auch im Osten gut zu hören. Ich selbst war am zweiten Tag vor Ort, Pfingstsonntag. Es waren ein paar wenige Tausend, die sich vor dem Brandenburger Tor versammelten, nur um Musik zu hören. Alle kamen in schwarz, als wäre das verabredet. Einer hatten einen Kassettenrekorder dabei und spielte das Lied "Berlin, Berlin" von den Gropiuslerchen - ein provozierender Text. Die Stimmung war angespannt, alle hatten Angst, keiner wusste, was passieren würde. Auch der oben erwähnte Bekannte meiner Schwester war da. Zu der Zeit hatte er bereits sogenanntes "Berlin-Verbot", er durfte also eigentlich gar nicht in der Stadt sein.

(Mehr dazu könnt ihr in diesem Spiegel-Artikel nachlesen.)

Irgendwann fing es an zu eskalieren. Stasi-Leute griffen vereinzelt Leute aus der Menge und versuchten sie wegzuzerren, Panik entstand. Knüppel trafen die Menschen. Ich hatte Glück. Irgendwie kamen ich, meine Schwester und unsere Freunde da wieder raus. Die Polizei drängte uns zum Bahnhof Friedrichstrasse. Ich kann mich noch gut erinnern, wie Westler an den Fensterscheiben des Interhotels Unter den Linden standen und nicht glauben konnten, was sie da sahen.

Wohnungssuche


Mein wohl kuriosestes Erlebnis hatte ich während der Wohnungssuche. Eine Wohnung im Osten zu bekommen war fast genauso schwer wie heute, aber aus anderen Gründen. Oft wussten die Behörden gar nicht mehr, welche Wohnungen frei waren. Allein durch die vielen Flüchtlingen haben sie den Überblick verloren. Auch waren die meisten Altbauwohnungen in einem miserablen Zustand. Eine Form, an Wohnung zu kommen, war das sogenannte "frei melden". Meldete man den Behörden mehrere freie Wohnungen, hatte man gute Chancen, eine davon zu bekommen. Vor allem, wenn man sich auch bereit erklärte, diese in Stand zu setzen. So zog ich also durch die Viertel, in denen ich wohnen wollte und schaute nach leerstehenden Wohnungen. Dabei ging ich auch in Häuser, die unmittelbar an der Mauer standen.



Ausstellung Gethsemanekirche 
Hier hätte meine erste Wohnung sein können.
Offensichtlich wurde ich dabei beobachtet. Denn als ich aus einem der Häuser kam, stand plötzlich ein Polizist vor mir. Er verlangte den Ausweis, gab meine Personalien über Funk an eine Zentrale durch und fragte mich, was ich da mache. Ich erklärte ihm die Lage. Da nichts gegen mich vorlag, konnte ich wieder gehen. Zur Verabschiedung meinte der Polizist dann zu mir, er würde mich total verstehen und wenn er jetzt nicht im Dienst wäre, w
ürde er gern mit mir einen Kaffee trinken gehen. Sehr schräg das Ganze. Denn ich hatte schon ziemlich Schiss, was da passiert. Der hätte mich auch einkassieren können bei der Willkür des Staates. Ich hatte auch hier wieder Glück oder vielleicht war es auch die Zeit (1989), wo sich die Offiziellen nicht mehr ganz soviel trauten.

Verschlafen


Wie bereits eingangs erwähnt, habe ich den Moment des Mauerfalls verschlafen. Aber selbstverständlich bin ich am nächsten Tag nach der Arbeit sofort rüber. Wir sind über die Invalidenstrasse über die Grenze und mit der S-Bahn erstmal nach Kreuzberg. Dort wohnte inzwischen die Freundin meiner Schwester, deren Ausreise kurz vor Maueröffnung genehmigt wurde. Auch hier hatte ich eine kuriose Begebenheit: direkt bei meiner ersten Westfahrt sah ich im Zug den damaligen Westberliner Bürgermeister Walter Momper, unverkennbar an seinem roten Schal. 

Das war schon eine irre Stimmung in der Stadt, eine einzige Party. Aber nicht alle Westdeutschen fanden das, was da über sie hereinbrach, gut. Einige machten tagelang die Wohnung nicht auf, weil sie Angst hatten, jetzt kommen die ganzen Ostverwandten und bringen alles durcheinander. Und am Ende war es ja auch so. Westberlin vor 1989 war ein Biotop, das ziemlich schnell verloren ging. Wer es noch nicht kennt, gut nachzulesen in  "Herr Lehmann".

Die Währungsunion


Die linke Opposition im Osten wollte keine Wiedervereinigung und auch kein Westgeld. Denen ging es nicht um Konsum, sondern um eine bessere Alternative zum Kapitalismus. Aus diesem Grunde war der Tag der Währungsunion für viele ein Trauertag. Hatten sie doch das Gefühl, ihre Revolution wäre verraten worden. Und irgendwie ist das ja auch so. Verkauft trifft es wohl eher.

Auch ich saß in dieser Sommernacht mit meinem Freund auf der Strasse und wir betranken uns, während ab und zu einer an uns vorbei lief und vor Freude die D-Mark-Scheine schwenkte. Uns war das fremd. Wir waren traurig.

Schliemannstr. 14 A - Trauer in der Nacht, als die D-Mark kam

Ich bin überzeugt davon, dass die Probleme, die wir gerade in diesem Land haben mit rechtem Gedankengut im Osten genau auf diese Zeit und die Übernahme zurückzuführen ist. Denn nichts anderes ist damals passiert. Kein Anschluss, keine Wiedervereinigung, sondern eine Übernahme. Das aufzuarbeiten ist es an der Zeit!

Ich hoffe, ich konnte Euch ein wenig mitnehmen in das Leben zwischen den Welten damals. Für mich war es die wichtigste Zeit meines bisherigen Lebens, sie hat mich geprägt und zu dem Menschen gemacht, der ich bin. Unangepasst, grenzgängerisch und nach wie vor lebt ein kleiner Punk (oder auch größerer) Punk in meiner Seele.

Einen letzten Buchtipp habe ich noch für Euch. Denn so richtig spannend war es ja direkt nach dem Mauerfall. Es war ein anarchistisches Jahr - das Jahr 1990 und dies wird in kleinen Geschichten erzählt, die in dem Buch unten beschrieben werden. Zu zwei dieser Geschichten habe ich wieder Bezugspunkte, aber das würde nun doch zu weit führen. Wer mir bis hierher gefolgt ist, war schon tapfer genug.



Vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren!
Anke

P.S. Und was hat das alles mit Nähen zu tun? Eigentlich gar nichts, aber angefangen zu nähen habe ich zu ähnlicher Zeit, ich glaube, sogar 1-2 Jahre eher und mein erstes Kleidungsstück war ein Tellerrock aus einem Bettlaken. Im Osten musste man sich irgendwie behelfen, wenn man was ungewöhnliches anziehen wollte.

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Mittwoch, 6. November 2019

Zwei Kleider für meine Herbstgarderobe #fiveforfall

Von der Instagram-Challenge #fiveforfall habe ich Euch ja bereits in den beiden letzten Beiträgen erzählt. Nun sind Teil 3 und 4 entstanden - zwei tolle Herbstkleider, die aber ganz unterschiedlich daherkommen.


Das erste ist das Hoodie Dress vom schwedischen Schnittmusteranbieter Assemblyline. Ich bin ja schwer begeistert von dem Design der ganzen Marke. Leider sind die Schnittmuster extrem teuer, aber dafür super beschrieben und alles wirklich einfach nachvollziehbar. Mit meinem Ergebnis bin ich total zufrieden, das sieht alles sehr professionell aus.


Verwendet habe ich einen Stretchköper von stoffe.de. Anfangs dachte ich ja, das Modell würde aus Sweat genäht und hatte bereits Modalsweat bestellt. Dann stellte ich fest, dass der Schnitt für Webware ausgelegt war. Als der Stoff ankam war ich eher skeptisch, ob das wirklich die richtige Wahl ist. Aber inzwischen bin ich vollkommen überzeugt - von allem: Schnitt, Stoff, Ausführung. Hach... ich bin echt verliebt.


Genäht habe ich Größe 36, passt für mich perfekt. Der Stretchanteil lässt auch gut Bewegungsfreiheit zu. Einzig die Gummizüge sind seltsam verarbeitet, sie werden mitsamt dem doppelt gelegten Stoff angenäht, das ist ziemlich dick und meine Overlock hatte ihre Mühe. Ich würde eher empfehlen, das anders zu machen: erst das Bündchen annähen mit Öffnungsschlitz, Gummi einziehen und dann die Öffnung zunähen. So kenne ich es von Burda-Schnitten und finde es besser.


Das zweite Kleid ist aus einem wunderbar schweren Strick von Hilco oder Swafing. Ich weiß nicht mehr genau. Gekauft habe ich ihn wie den butterweichen Bio-Fleece bei Nordlicht Stoffe auf der Kreativmesse Berlin.


Der Schnitt stand bereits seit einiger Zeit fest. Es ist die ANNA von Schnittgeflüster. Auch hier hatte ich andere Stoffe bereits gekauft, war aber nie so richtig glücklich. Erst hatte ich einen dünneren Strick mit Lochmuster, den werde ich später zu einer Yoga-Wickeljacke verarbeiten, dann wollte ich den für das Hoodie-Kleid falsch gekauften Modalsweat verwenden - der wird wohl Teil meines Weihnachtsoutfits - und dann fiel mir dieser herrliche Strick in die Hände, der passt nun wirklich für mich perfekt.


Allerdings hat der Strick auch Nachteile für den Schnitt. Er ist extrem dehnbar und somit ist der Ausschnitt sehr weit geworden. Für den konzipierten Jersey sieht das dann wohl anders aus.


Auch hat der Strick keine Überbreite - was ja prinzipiell normal ist, aber so musste ich den Rock separat ansetzen. Und ich finde leider, dass er sehr tief sitzt. Beim Bild unten kann man die Ansatznaht ein wenig erkennen. Auf allen Beispielfotos anderer Nähblogger sah man diese Naht nicht, bei mir irgendwie schon. Entweder habe ich was falsch gemacht oder alle haben mehr Stoff verwendet als ich. 



Dennoch mag ich das Kleid, allein schon wegen des megatollen Stoffes, der ist echt zum darin wohnen geeignet.


Zuletzt möchte ich allen danken, die mir immer noch so unbeständig folgen. Auch wenn ich nicht jeden Kommentar beantworte, so freue ich mich über jede Nachricht, nur dafür bloggt man doch, nicht wahr? Ich freue mich schon darauf, in Euren Beiträgen zu stöbern!

Schwarzes Kleid
Schnittschmuster: Hoodie-Dress von Assemblyline über Juni-Design
Kosten: ca. 47 €
Arbeitsaufwand: 7:45 h

Graues Kleid

Schnittmuster: ANNA von Schnittgeflüster
Stoff: Strickstoff (evtl. Kai von Swafing)
Kosten: 39 €
Arbeitsaufwand: 3 h
Verlinkt beim Me Made Mittwoch